Triathlon: Geduldiger Quereinsteiger

Noch einmal bis zur völligen Erschöpfung alles geben. Ein letztes Mal, vor dem nahenden Saisonende, alles aus seinem Körper herausholen, um dann im wohlverdienten Urlaub für einige Tage komplett die Beine hochzulegen.

 

Dieser Motivationsanreiz von Triathlet Florian Angert vom Soprema Team des TSV Mannheim ging am 6. Oktober voll auf. In seinem letzten Rennen der strapaziösen Saison überraschte Angert bei seinem Debüt über die Ironman-Distanz alle und kam direkt mit der Jahresbestzeit – aller Triathleten weltweit 2019 – ins Ziel. Zudem sicherte sich der gebürtige Weinheimer durch den Erfolg in Barcelona seinen Startplatz bei den Weltmeisterschaften über die Langdistanz auf Hawaii 2020.

„Mein oberstes Ziel war, sicher ins Ziel zu kommen, ohne zu explodieren“, berichtet Angert, der mit gebührenden Respekt an seine erste Langdistanz heranging. Am Ende stand eine herausragende Zeit von 7:45:05 Stunden auf der Anzeigetafel über dem Zieleinlauf – die schnellste Langdistanzzeit bei einer Premiere überhaupt. Eine Zeit, die sogar beim Ironman Hawaii für den Sieg gegen den übermächtigen Jan Frodeno gereicht hätte. „Hawaii ist vom Wetter und von den Bedingungen her aber ein komplett anderes Rennen. Barcelona hat sicherlich gezeigt, dass ich auf der Langdistanz Potenzial habe, aber man kann daraus nichts ablesen“, relativiert der 27-Jährige die grandiose Siegerzeit und will nach dem Coup keine voreiligen Schlüsse für die Hawaii-Teilnahme im kommenden Jahr ziehen. Für Angert war der Triumph, nach dem Sieg über die Mitteldistanz bei der Challenge Prag Ende Juli, bereits der zweite Saisonerfolg.

Der ehemalige Student der Ernährungswissenschaften zielt in Absprache mit seinem Erfolgstrainer Philipp Seipp ohnehin eher auf eine perspektivisch angelegte, umsichtige Leistungssteigerung ab. Denn der in Schwaigern lebende Angert ist ein Triathlon-Quereinsteiger, war zunächst nur als erfolgreicher Schwimmer bei der TSG Weinheim im Becken und musste sich über die Jahre erst sukzessive an die anders gelagerten Belastungen beim Radfahren und Laufen gewöhnen. Zugute kommt ihm dabei die Trainingssteuerung seines Coaches.

„Philipp legt in seinem Training viel Wert auf Intensität und Qualität. Radeinheiten dauern zwischen 1,5 und 3,5 Stunden. Es sind nur wenige lange Läufe dabei, das schont die Gelenke und die Muskulatur“, erläutert Angert. In diesen zwei Disziplinen sieht der Triathlet bei sich auch noch am meisten Luft nach oben. „Auf dem Rad und beim Laufen kann ich die Technik und die Kontinuität über die nächsten Jahre weiter ausbauen und entwickeln“, setzt Angert sich allerdings nicht unnötig unter Druck und plant eine langfristige Karriere.

„Ich habe nicht vor, zwei Jahre besonders erfolgreich zu sein und ein paar Euro zu verdienen, dann verletzt zu sein und nichts mehr auf die Reihe zu bekommen. Ich muss schauen, was mir auf lange Sicht etwas bringt“, denkt Angert nicht an den schnellen Erfolg, der auf Kosten der Gesundheit geht. Schließlich schätzt Angert seinen seit 2017 ausgewählten Berufsweg Profi-Triathlet, trotz gewisser Entbehrungen, die die vielen Trainingslager und Wettkämpfe in ganz Europa mit sich bringen, in hohem Maße. „Ich bereue den eingeschlagenen Weg in keinster Weise. Es ist eine coole Sache, aus meinem Hobby, meinen Beruf gemacht zu haben und mein Geld damit zu verdienen. Es war nicht geplant und kam peu à peu“, beschreibt Angert, der erst mit 20 Jahren zum Triathlon kam, die Entwicklung bis hin zum in der Weltspitze etablierten Profi.

Bereits in drei Wochen beginnt die Vorbereitung auf die neue Saison, um die Grundlagenausdauer zu schaffen, damit im letzten Rennen des Jahres wieder alle Kräfte mobilisiert und alle Energiereserven aus sich herausgeholt werden können. Diesmal allerdings auf der größten Bühne des Triathlons mit weltweiter Aufmerksamkeit. „Das Ziel ist, auf Hawaii fit zu sein“, weiß Angert schon jetzt, was 2020 Priorität genießt. Und das danach wieder die Beine hochgelegt werden können. 

Quelle: Mannheimer Morgen, Donnerstag, 24.10.2019